BEETWAHRHEITEN

Willkommen in meiner Philosophen-Ecke! Hier wird's nachdenklich, kritisch, manchmal politisch und kontrovers. Hier werde ich los, was mich beschäftigt, aufregt, erhellt - bestehende Fragen und gefundene Wahrheiten. 
Kommentare - wie immer - erwünscht :-)


TEIL 2: Die Wahrheit über die soziale Bedeutung des Gartens

Ich stelle mir gelegentlich die Frage, was ein Garten und das Gärtnern mit mir als Mensch gemacht hat. Klar, es dient dem seelischen Gleichgewicht und dem körperlichen Ausgleich. Aber es hat mich auch in Kontakt gebracht oder besser: wieder in Kontakt gebracht mit Menschen, mit denen ich keine Kommunikationsgrundlage hatte. Platt gesagt: Gärtnern sorgt für Gesprächsstoff. 
In meinem Beruf bewege ich mich hauptsächlich unter meinesgleichen und da der 90% meiner Zeit und Gedanken in Anspruch nimmt, bin ich nicht gerade gesellig. Nicht mal ein Haustier habe ich (leider), und immer über das Wetter reden, ist keine dauerhafte Lösung. Irgendwann wird man zum Diogenes in der Tonne.

Das Gärtnern hat diesen Zustand aufgebrochen. Kaum fängt man an, Gemüse anzubauen, kommt man ins Gespräch. Man tauscht Erfahrungen, Jungpflanzen, Saatgut. Man teilt seine Ernte. Und schon der Akt des Teilens schafft eine Verbindung zwischen Menschen. Wer gibt, der bekommt (normalerweise) auch wieder und so bleibt ein Kontakt bestehen. Rübchen verschenkt, Freude gemacht. Saatgut verteilt, überzählige Jungpflanze zurückbekommen. Es entwickeln sich langfristige Beziehungen. Man zieht einem Freund aus einem Steckling ein Pflänzchen, man erkundigt sich, wie die abgegebene Jungpflanze gedeiht. Mit der Zeit spannt sich ein ganzes Versorgungsnetzwerk, in dem rege Produkte, Pflanzen und Saatgut ausgetauscht werden. Ich  baue keine Kartoffeln an, aber ich habe gegen Winterrettiche immer wieder ein paar Kilo Kartoffeln vom privaten Acker eingetauscht oder bin zu einem Glas heimischen Honig gekommen. Über den pragmatischen Effekt der zunehmenden Subsistenzwirtschaft ist der soziale Aspekt des sich füreinander Interessierens und im Gespräch bleiben nicht zu unterschätzen. Gärtnern schafft Gemeinsamkeiten, gemeinsame Interessen und gemeinsame Ziele und damit Wertschätzung und Achtung füreinander. 

Ich erzähl's ja immer wieder gerne: vier Jahre lebe ich jetzt hier auf dem Land, aber außer meinen Kollegen im Institut kannte mich hier praktisch niemand. Seit ich gärtnere, kennt mich scheinbar das ganze Dorf. Einerseits sicher, weil der Garten quasi mitten im Dorf liegt und von allen begrüßt wurde, dass die kleine Wildnis wieder zum ansehnlichen Garten wurde. Andererseits ganz offensichtlich, weil ich etwas tue, was fielen Menschen nahe liegt. Gerade hier auf dem Land gibt es naturgemäß viele Leute, die zumindest irgendwann im Leben mal gegärtnert haben. Und so stehen sie an meinem Gartenzaun und schauen nicht nur, wie der Garten sich verändert, sondern sie fragen, was  und wie. Sie nehmen teil an dem, was ich tue.

Zuguterletzt: Gärtnern ist ein Akt des Widerstandes. Gegen Abhängigkeit, gegen Bevormundung, gegen Vereinheitlichung. Wer gärtnert, ist ein Stück weit unabhängiger. In allen Gärtner*innen, zumindest den ökologischen, steckt ein Rebell. Denn man gärtnert gegen die Ausbeutung von Ressourcen, die Ausrottung von Vielfalt und gegen schwindende Qualität der Nahrungsmittel. Jedesmal, wenn ich samenfestes Saatgut verschenke und dazu ermuntere, es weiter zu vermehren, habe ich das Gefühl, ein winziges Stück dazu beizutragen, dass wir auch in hundert Jahren noch nicht völlig die Selbstbestimmung über unsere Nahrungsmittel verloren haben. Wer Gemüse anbaut, behält die Kontrolle und die Entscheidungsfreiheit über das, was er isst.
Dieser Drang nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist ein ganz wesentlicher Antrieb für meinen Gemüseanbau, selbst wenn ich von Selbstversorgung weit entfernt bin. Die bloße Tatsache, dass ich in der Lage bin, aus einem Saatkorn etwas Essbares zu ziehen, verschafft mir das Gefühl, etwas mehr Herr über meine Existenz zu sein. Das vervielfacht sich noch, wenn man im Verbund gärtnert und eine regelrechte kleine Subkultur entfaltet.
Fassen wir zusammen: einen Garten zu kultivieren, bringt Menschen in Verbindung und macht sie gleichzeitig unabhängiger.
Fast schon ein Paradoxon...



TEIL 1: Die Wahrheit über saisonales Gemüse

Damit man einen Eindruck bekommt, was es heißt, saisonal zu essen, hab ich die jeweilige Lage mal notiert:

Februar/März
Die wirklich magerste Zeit: aus dem Beet ist die Auswahl extrem eingeschränkt: bisschen Grün- und Rosenkohl, vielleicht noch überwinterter Porree.
Aus der Erdmiete, sofern noch was übrig ist, kommen die letzten Rübchen/Beten und Möhren. Und ja, Zuchtpilze gibt's ja auch noch...
An Lagerware sind evtl. noch Kartoffeln und Äpfel übrig.
Wer mal was anderes möchte als Kohl, der muss auf haltbar gemachtes Gemüse zurückgreifen. Aus der Konserve sorgten bei mir Sauereingelegtes und Dosentomaten für Abwechslung. Ansonsten gab es viel getrocknete Hülsenfrüchte.
Immerhin: der Frühgärtner hat im März den überwinterten frischen Feldsalat erntereif oder ein bisschen Spinat, im Gewächshaus vielleicht schon ein erstes Radieschen.

April /Mai
Die "Primeurs"kommen: Den Anfang machen oft Radieschen, Spinat, erster Blattsalat, Winterzwiebeln. Es folgen Mangold und Mairübchen, vielleicht erste kleine Karotten und die... Frühlingszwiebel. Im Mai bieten sich auch schon Kräuter an.
Dafür verabschieden sich Kohlgemüse und Porree und der Feldsalat wird jetzt grob und derb.

Juni/Juli/August/September
Pardon: die geilste Zeit! Alles ist da, alles ist reif. Die wirkliche Frisch-aus dem Garten-Selbstversorger-Zeit. Im Grunde müsste man sich jetzt einen Wanzt anfressen mit frischem Gemüse und Obst.
Den Auftakt im Füllhorn machen die einheimischen Gemüse wie neue Kartoffeln, Erbsen, Möhren, Kohlrabi, Gurken, Bohnen, Blumenkohl und Broccoli, später kommen die Südländer wie Tomaten, Paprika, Aubergine. Und natürlich nach und nach die ganze Palette Obst.
Und wer jetzt exotische Gewächse wie Feigen, Granatäpfel etc. möchte, der bekommt sie immerhin vom selben Kontinent und sie mussten keine Weltreise machen.
Es ist hier einfacher aufzuzählen, was es nicht gibt, nämlich die wenigen Wintergemüse wie Kohl, Spinat und  Porree. Radieschen ist es jetzt tendenziell zu warm.

Oktober/November
Noch gibt es vieles von der Vielfalt des Sommers. Späte Saaten der Sommergemüse sind im Oktober reif wie Fenchel, Sellerie, Herbstrübchen, Rote Bete, Schwarzwurzel und die ersten Wintergemüse:Feldsalat und Spinat sind wieder da und noch nicht in der Winterstarre, die späten Karotten, erster Porree und Kopfkohl. Nüsse und spätreifendes Obst gibt es zunächst auch noch frisch.

Dezember/ Januar
Es wird einsam auf dem Gemüseteller. Die frischen Gemüse müssen bis auf wenige Ausnahmen bis Dezember vom Beet: Radieschen, Pastinaken. Nur Lauch und Winterkohlsorten bleiben stehen und trotzen dem drohenden Dauerfrost. Der Feldsalat stellt, sofern er nicht groß genug zum Ernten war, das Wachstum bis März ein. Aus der Lagerung haben wir noch Sellerie, Kopfkohl, Karotten, Rote Bete und robustes einheimisches Obst.
Ich hab echt viele Äpfel und Karotten gegessen... und wenn dann letztlich alle Gemüse knapp werden, zählt man die Tage bis Ostern – oder man wird schwach und kauft einen Salat aus Italien.

FAZIT: Von 12 Monaten sind es eigentlich nur 4, die natürlicherweise jene Auswahl bieten, die wir rund ums Jahr im Supermarkt vorfinden.

Der Vollständigkeit wegen möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass sich saisonales Essen auch im Geldbeutel bemerkbar macht: was reichlich vorhanden ist, wird tatsächlich auch für kleines Geld verkauft.
Als im Winter 2016/17 ein Kälteinbruch die Ernte in Südeuropa schmälerte, explodierten die Preise und man war gut beraten, statt eines Lollo bianco einfach mal einen Chinakohl zu kaufen.




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